Montag, 24. Dezember 2018

Türchen Nr. 24

Die Heilige Nacht

 
Gesegnet sei die heilige Nacht,
die uns das Licht der Welt gebracht!
Wohl unterm lieben Himmelszelt
die Hirten lagen auf dem Feld.
Ein Engel Gottes, licht und klar,
mit seinem Gruß tritt auf sie dar.
Vor Angst sie decken ihr Angesicht,
da spricht der Engel: „Fürcht’t euch nicht!“
„Ich verkünd euch große Freud:
Der Heiland ist geboren heut.“
Da gehn die Hirten hin in Eil,
zu schaun mit Augen das ewig Heil;
zu singen dem süßen Gast Willkomm,
zu bringen ihm ein Lämmlein fromm.
Bald kommen auch gezogen fern
die heilgen drei König‘ mit ihrem Stern.
Sie knieen vor dem Kindlein hold,
schenken ihm Myrrhen, Weihrauch, Gold.
Vom Himmel hoch der Engel Heer
frohlocket: „Gott in der Höh sei Ehr!“

(Eduard Mörike)

Ich wünsche Euch allen von Herzen Frohe Weihnachten
und besinnliche Feiertage im Kreise Eurer Lieben!

Sonntag, 23. Dezember 2018

Türchen Nr. 23


Der Traum

Ich lag und schlief; da träumte mir
ein wunderschöner Traum:
Es stand auf unserm Tisch vor mir
ein hoher Weihnachtsbaum.
Und bunte Lichter ohne Zahl,
die brannten ringsumher;
die Zweige waren allzumal
von goldnen Äpfeln schwer.
Und Zuckerpuppen hingen dran;
das war mal eine Pracht!
Da gab’s, was ich nur wünschen kann
und was mir Freude macht.
Und als ich nach dem Baume sah
und ganz verwundert stand,
nach einem Apfel griff ich da,
und alles, alles schwand.
Da wacht‘ ich auf aus meinem Traum,
und dunkel war’s um mich.
Du lieber, schöner Weihnachtsbaum,
sag an, wo find‘ ich dich?

(Hoffmann von Fallersleben)


Samstag, 22. Dezember 2018

Türchen Nr. 22


Weihnachtslied

Vom Himmel bis in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.
Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken,
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstiller Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich nieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn,
Es sinkt auf meine Augenlider,
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

(Theodor Storm)


Freitag, 21. Dezember 2018

Türchen Nr. 21


 Blüh denn, leuchte, goldner Baum

Blüh denn, leuchte, goldner Baum,
Erdentraum und Himmelstraum;
blüh und leuchte in Ewigkeit
durch die arme Zeitlichkeit!
Sei uns Bild und sei uns Schein,
dass wir sollen fröhlich sein,
fröhlich durch den süßen Christ,
der des Lebens Leuchte ist.
Sei uns Bild und sei uns Schein,
dass wir sollen tapfer sein
auf des Lebens Pilgerbahn,
kämpfend gegen Lug und Wahn.
Sei uns Bild und sei uns Schein,
dass wir sollen heilig sein,
rein wie Licht und himmelsklar,
wie das Kindlein Jesus war!

(Ernst Moritz Arndt)


Donnerstag, 20. Dezember 2018

Türchen Nr. 20


Vorfreude auf Weihnachten

 
Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.
Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –
Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.
Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.
Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.
 (Joachim Ringelnatz)



Mittwoch, 19. Dezember 2018

Türchen Nr. 19

Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.
Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.
Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.
Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht –
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

(Theodor Fontane)

Dienstag, 18. Dezember 2018

Türchen Nr. 18


Die graue Maus

Wie in jedem Jahr waren die Adventswochen wieder hektisch gewesen.
Sie hatte Kostüme geändert, ausgebessert oder sogar komplett neu hergestellt.
Dann hatte sie alle nötigen Requisiten begutachtet und bei Bedarf repariert,
ausgetauscht oder ebenfalls komplett neu gemacht. Auch das Bühnenbild hatte
sie überarbeitet und so hergerichtet, als sei es noch nie vorher benutzt worden.
Jetzt saß sie in der kleinen Kammer neben der Sakristei aus der sie Stimmen vernahm.
Es waren die Kinder und Mütter, die das Krippenspiel in der Kirche aufführen würden,
für das sie alle Vorkehrungen getroffen hatte. Sie hatte ihnen alles hingelegt und gestellt,
was für die Aufführung nötig war. Die Kostüme in Reihe aufgehängt, so wie sie benötigt
wurden. Alle Requisiten dazu gestellt und beschriftet, welches Teil zu welchem Kostüm gehörte.
Sie saß da und lauschte. Jetzt ging es in die Kirche, die bis auf den letzten Platz gefüllt war.
Am heiligen Abend war die ganze Gemeinde da, auch die U-Boot-Christen, die immer nur an
Weihnachten auftauchten.
Aufmerksam verfolgte sie die Aufführung des Krippenspiels, dann die gesamte Christmette
und danach die ganzen Danksagungen an die Beteiligten und Darsteller. Danach lauschte
sie dem stapfen der Schuhe und Stiefel, die die Kirche verließen. Sie hörte, wie in der
Sakristei die Messdiener und der Pfarrer sich umkleideten und dann ebenfalls die Kirche
verließen. Dann war alles still. Keiner war in ihr Kämmerlein gekommen – nicht einmal
der Pfarrer war bei ihr gewesen. Niemand hatte ihren Namen erwähnt und somit hatte
auch keiner nach ihr geschickt um sich bei ihr zu bedanken. Sie hatte ja nicht groß auf
die Bühne gewollt oder mit Dankesarien gefeiert werden wollen. Aber hätte nicht
wenigstens der Pfarrer bei ihr vorbei schauen können um ihr zu sagen, dass sie
wieder alles schön zu Recht gemacht habe?
Enttäuscht zog sie ihren Schal vom Stuhl und band ihn sich um. Dann stand sie auf
und wollte die Tür öffnen, als sie kurz erschrak. Sie hatte eine Bewegung an der Tür
gesehen und schaut jetzt genauer hin. Da sah sie eine kleine Maus sitzen, die ihr
ungeniert ins Gesicht starrte. „Beinahe hätte ich dich übersehen, so grau, wie du bist,“
sagte sie zur Maus und lächelte bei dem Gedanken sich mit einer Maus zu unterhalten.
Als habe das Tier sie verstanden kam es ein paar Schrittchen näher und stand jetzt im
kleinen Lichtkegel, den die einzelne Deckenlampe ergab. Hübsch war die kleine Maus,
zwar tatsächlich grau, aber hübsch. Sie bückte sich herab und die Maus blieb
unbeeindruckt sitzen. Kurz überlegte sie, dann hielt sie der Maus die Hand hin.
Und tatsächlich sprang die Maus in die Hand, drehte sich und flitzte zum Schal
hinauf. Dort wuselte sie sich tief in den Schal und rollte sich am Hals ein.
Verdutzt stand sie da, mit einer Maus am Hals im Schal eingebettet.
Nach kurzer Überlegung öffnete sie die Tür, schloss alles gut hinter sich ab
und ging nach Hause. Dort angekommen kam die Maus aus dem Schal
gekrochen und setzte sich mit ihr an den, mit Keksen und Kakao gedeckten
Tisch. Sie feierten Weihnachten gemeinsam, die kleine und die große graue Maus,
die sonst niemand sah. Und damit hatte sie die schönsten Tage, die sie bisher
in der Gemeinde erlebt hatte.
Im nächsten Jahr fand kein Krippenspiel mehr statt. Man hatte vergessen,
dass jemand sich um Kostüme, Requisiten und Bühnenbild kümmern muss
und die nette Dame, die das bisher wohl immer gemacht hatte, war in diesem
Jahr nicht da gewesen. Leider hatte keiner eine Ahnung, wer sie gewesen war.
Von Conny Cremer